Sonntag, 30. März 2008

Putuoshan – „Today I don´t know!!!“

Wie wir ja schon im vorigen Post geschrieben haben, hatten wir uns entschlossen, Putuoshan zu besuchen. Das ist eine kleine, ziemlich heilige Insel ca. 100 km von Shanghai entfernt, jenseits der Bucht von Hangzhou. Auf der Insel befindet sich der Mount Foding (ca. 300m hoch), der einer der vier für den Buddhismus bedeutendsten Berge Chinas ist.

Um mal ein neues Erlebnis zu wagen und Transport- und Unterkunftskosten für eine Nacht zu vereinen haben wir uns für die Nachtfähre von Shanghai nach Putuoshan entschieden. Nach dem umständlichen Ticketkauf waren wir sehr gespannt, was auf uns zukommen würde. Da es auf der Fähre keine 2-Bett-Kabinen gab, mussten wir uns mit einer 4-Bett-Kabine begnügen. Um es gleich vorweg zu nehmen… unsere beiden Mitreisenden waren total problemlos. Es waren zwei Damen mittleren Alters, die jeweils einzeln reisten. Eine von beiden war uns am nächsten Morgen auch sehr behilflich indem sie die chinesische Bord-Ansage für uns ins Englische übersetzte, sonst wären wir prompt auf der falschen Insel ausgestiegen. Die Fähre war nicht wirklich toll… ziemlich unwirtlich… überall das blanke Metall. Aber funktionstüchtig war sie, das ist ja das Wichtigste. In der Kajüte gab es also 2 metallene Doppelstockbetten, eine kleine Bank und ein Waschbecken. Damit es nicht zu allzu großem Gedränge kam, haben wir erstmal die Messe gesucht und uns dort niedergelassen. Nach einem Blick von außen durchs Kombüsenfenster, haben wir beschlossen, zum Abendessen auf Kartoffelchips und Erdnüsse (mehr gab´s nicht im Bord-Kiosk außer getrocknetem Fisch) zurückzugreifen.

In der Messe haben wir die Zeit bis 22 Uhr hinter uns gebracht und sind von ein paar jungen Chinesen zum Bier eingeladen worden. Als wir in die Kajüte kamen, schliefen unsere Damen schon, so dass wir uns leise in die Betten geschlichen haben. Richtig erholsam war der Schlaf aufgrund der Lautstärke an Bord nicht, aber die Fähre hat uns sicher nach Putuoshan gebracht.

Dort angekommen haben wir nach einigem Herumgeirre auch unser Hotel gefunden und unser fürstliches Hotelzimmer, das wir uns mal geleistet haben (siehe Fotos - kostet weniger als zwei Jugendherbergsbetten in Berlin), bezogen. Nach einer ausführlichen Dusche und gründlicher Bewunderung unseres tollen Ausblicks haben wir uns wieder auf die Socken gemacht und bei schönstem Wetter den Südteil der Insel erkundet. Dort befindet sich ein wirklich kleiner Ort, dessen Mitte aus drei rechteckigen Teichen besteht und dessen Namen wir bis heute nicht herausgefunden haben. Wir nehmen an, hier heißt alles auf der Insel „Putuoshan“. Viel Verwechslungsgefahr besteht ja nicht, denn die Insel ist nur 12,5 km² groß und mehr als 5 Straßen, die nach den Tempeln benannt sind, zu denen sie führen, gibt es nicht.

Nachdem unser Spaziergang uns am Hafen im Süden der Insel vorbeiführte, dachten wir uns, wir könnten ja mal gleich unser Rückfahrtickets für Montag kaufen. Haha! „Kommen Sie am Sonntag wieder, vorher gibt’s keine Tickets“ sagte man uns, nachdem wir mit Händen und Füßen klar gemacht hatten, was wir wollten. Nun gut, dann eben nicht.

Den Rückweg haben wir dann über den 100-Schritte-Strand und den 1000-Schritte-Strand gemacht. Am letzteren liegt übrigens unser Hotel. Nach leckerem Abendessen als einzige Gäste des Hotel-Restaurants mit keiner einzigen englischsprechenden Service-Kraft ging´s früh ins Bett.

Am Freitag haben wir mit einer Wanderung den Nordteil der Insel erkundet. Wir haben den „umgekehrten“ Weg der chinesischen Touristen eingeschlagen und den Foding-Berg zu Fuß bestiegen, um auf der anderen Seite die Seilbahn hinunter zu nehmen. Vorher haben wir in der Mitte der Insel noch den Fayu-Tempel angeschaut. Dort wurden wir wieder mal von Schulklassen umlagert, die unser fremdes Aussehen und Sebastians Größe bestaunten. Und wieder mal mussten wir uns mit vielen kleinen Chinesinnen zum Foto aufstellen. War nicht so schlimm… wir hatten 21 Grad und Sonne und deswegen ziemlich gute Laune. Der Tempel war sehr schön, wenn auch für unsere ungeübten Augen nicht wirklich unterscheidbar von den vielen anderen Tempeln, die wir bisher gesehen haben. Eins ist uns jedoch hier sehr aufgefallen… Viele sitzende, anscheinend in sich ruhende Buddhastatuen tragen hier auf der Insel ein Sonnenrad bzw. Rad des Lebens (das Symbol, das die NSDAP als Hakenkreuz benutzte) auf der Brust. Das ist für uns als Europäer auf den ersten Blick doch schon immer etwas befremdlich. Dabei bedeutet es in China nur Sonne bzw. Unendlichkeit oder Fruchtbarkeit. Ein Foto konnten wir natürlich im Inneren der Tempel nicht machen.

Der Samstag fiel leider im wahrsten Sinne des Wortes ins Wasser, denn es hat den ganzen Tag geregnet, so dass sich das schöne Zimmer wirklich gelohnt hat. Da wir im Zimmer kostenloses Internet hatten, haben wir den Tag hauptsächlich mit Job- und Autorecherchen für Australien verbracht.

Heute (Sonntag) ist das Wetter leider nicht wirklich viel besser, aber wir mussten ja eh los, um unsere Tickets für die Fähre am Montag zu kaufen. Wir haben ja schließlich für Montagabend schon Zug-Tickets von Shanghai nach Xiamen gekauft. Und von Xiamen geht am Donnerstag unser Flug nach Hong Kong.

Also sind wir wieder Richtung Süden der Insel zum Hafen aufgebrochen. Dort haben wir tatsächlich im Ticket-Office eine englischsprachige Angestellte angetroffen, die uns allerdings mitteilte, dass es heute keine Schnellboote nach Shanghai gebe. Nun gut, Missverständnis… wir müssen ja auch erst morgen los. Das haben wir ihr dann auch klar gemacht. Tja und welche Auskunft bekamen wir?! „Today I don´t know!“ Sie könne noch nicht wissen, ob morgen eine Fähre nach Shanghai gehe. Wir sollen doch einfach morgen früh um sieben Uhr vorbeikommen und fragen. Herrgottimhimmel!!! Tja, was sollten wir machen? Wir konntens ja eh nicht ändern, also sind wir erstmal in den Ort zurück und haben uns den ältesten und wichtigsten Tempel der Insel, den Puyi-Tempel, angesehen. Ganz in Ruhe, aufregen bringt ja nichts. Dann sind wir vor dem feuchtkalten Wetter wieder ins Zimmer geflüchtet und haben schon mal mit Hilfe des Internets Notfallpläne geschmiedet, falls morgen keine Fähre nach Shanghai fährt.

Irgendwie werden wir es schon bis Donnerstag nach Xiamen schaffen. Sind ja nur ca. 600 km – das schaffen wir auch mit dem chinesischen Transportsystem.

Haltet uns die Daumen… später mehr.

Freitag, 28. März 2008

"Hello Sir, wanna buy watch" - Shanghai

Shanghai empfing uns mit bedecktem Himmel und Dauerregen. Nachdem wir im Hostel eingecheckt hatten, haben wir uns trotzdem auf den Weg nach Downtown gemacht um uns einige touristische Highlights aus der Nähe anzuschauen.

Shanghai ist im Gegensatz zu Peking sehr „organisch“ gewachsen. Kleine Gassen und große Straßen wechseln sich ab und verlaufen selten rechtwinklig oder parallel zueinander. Besondere Anlaufpunkte sind die Altstadt und der Bund, die Uferpromenade entlang des Huangpu-Flusses. Shanghai ist nach unserem Eindruck im Vergleich zu Peking sehr viel weniger grün und bei Weitem nicht so sauber (letztes kann mit den Olympischen Spielen in Peking zusammenhängen). Außerdem ist es viel lauter und die Menschen erscheinen uns rücksichtsloser, was bei Joki den ein oder anderen Stress verursacht hat. Dafür ist das Metrosystem in Shanghai besser ausgebaut und die Sonne scheint häufiger, weil der Smog vom Seewind weggeblasen wird.

Auf unserem Weg zur Altstadt sind wir an einem Blumen- und Vögelmarkt vorbeigekommen. Der Anblick, der sich uns bot, machte uns traurig. Wasserschildkröten in Glasschüsseln ohne Wasser, eingepferchte Hunde (die anscheinend nicht als Speise bestimmt waren) und Vögel in winzigen Käfigen siechten zwischen rauchenden und rotzenden Männern dahin. Die Luft war erbärmlich.

Also wieder raus und schnell Richtung Altstadt, wo wir das „originale“ Shanghai vermuteten. Gefunden haben wir, zumindest an diesem Tag, restaurierte Häuser mit McDonalds und KFC sowie unzählige Ramschläden mit „Wanna buy a watch, t-shirt, DVD“-Verkäufern davor.

Direkt an die Altstadt schloss sich der Bund an. Mittlerweile waren unsere Hosen bis zu den Knien durchgeweicht und unsere Schuhe quietschten vor Nässe. So sind wir den Bund auf der Suche nach einem warmen, behaglichen internationalen Systemgastronomierestaurant mit einem gelben Grosbuchstaben abgelaufen, das es natürlich ausgerechnet am Bund nicht gab. Auf dem Weg bekamen wir etwas von der Geschäftstüchtigkeit der Chinesen mit und zwar in Form von ca. 10.000 Frauen und Männern, die uns mit einem energischen „Hello Sir“ Regenschirme anboten.

Wir beide haben uns den Bund ganz anders vorgestellt. Neben einer breiten, lauten Straße verläuft ein ca. 40 m breiter Uferstreifen, auf dem kleine Ladengeschäfte, Restaurants, Reisebüros und Supermärkte im Erdgeschoss untergebracht sind. Darüber (praktisch auf dem Dach) gibt es eine Promenade, die von künstlich angelegtem Grün gesäumt ist. Das Ganze verläuft über ca. 1,5 km des Huangpu-Ufers. Auf der gegenüberliegenden Flussseite Kratzen die Hochhäuser des neuen Stadtteils Pudong mit dem berühmten Oriental Pearl Tower an den Wolken, entstanden auf Boden, der vor 15 Jahren noch landwirtschaftlich genutzt wurde.

Auf der zentralen Einkaufsstraße haben wir dann noch eine McDonalds zum Aufwärmen und auf (europäische) Toilette gehen gefunden. Nachdem wir noch eine Zeitung zum Schuheausstopfen gekauft hatten, hieß es nur noch, raubkopierte DVD im Hostel ausleihen und alle Fünfe grade sein lassen.

Beim Versuch Zugfahrkarten und Tickets für die Nachtfähre nach Putuoshan (unten mehr dazu) zu bekommen, haben wir am Ostersonntag die ganze Tour noch einmal bei Sonnenschein gemacht. Nicht ganz, aber den Bund sind wir noch einmal abgelaufen. Diesmal haben die Regenschirmverkäufer vom regnerischen Vorabend übrigens Drachen und Pseudo-Rollerskates angepriesen. Als wir nach 2 Stunden „No, thanks“-Sagen immer noch kein Ticketoffice gefunden hatten, beschlossen wir die nächste „Starbucks-Oase“ aufzusuchen und damit dem Trubel zu entfliehen. Am Nachmittag sind wir dann zur weiteren Entspannung in den Lu-Xun-Park gefahren. Man stelle sich den VP Friedrichhain mit ca. 1 Mio. Menschen vor. So voll ungefähr war der Lu-Xun-Park. Dennoch haben wir wieder ruhige Plätze finden können. Für die Stadt-Chinesen ist es normal am Sonntag Nachmittag in den Park zu gehen und ein wenig Zerstreuung beim Kartenspielen, Tai Chi, Karaoke oder einfach nur Elektrobootfahren zu suchen. Das war ein sehr angenehmes Erlebnis, trotz der für unsere Berliner Verhältnisse vielen Menschen.

Gut erholt und ausführlich beraten durch unsere Hostel-Rezeptionistinnen haben wir dann am Montag die Ticketoffices gefunden, um die halbwegs gewünschten Tickets zu kaufen. Bei Sonnenschein sind wir mit der Fähre nach Pudong übergesetzt. Abgesehen von den Hochhäusern hat Pudong außer einer großen Shopping-Mall (touristisch) wenig zu bieten. Mit Eiscreme und Sir George haben wir daher ausgiebig am Ufer gesessen und Schiffe beobachtet.

Am Nachmittag sind wir noch einmal in die Altstadt zurückgekehrt, um von der touristischen Hauptstraße in eine der Neben„straßen“ abzubiegen und die tatsächliche Altstadt zu erleben. Die Verhältnisse dort sind aus europäischer Sicht erbärmlich. Die Bewohner sind jedoch auch zu Fremden sehr freundlich und wirken weitaus glücklicher als die Menschen in den „besseren“ Vierteln.

Danach haben wir uns erneut todesmutig in die Touristenmassen am Bund geworfen – die Sonne war mittlerweile untergegangen. Nach einigen Fotoversuchen ohne Stativ war das „Pflichtprogramm“ Skyline bei Nacht damit erledigt.

Der Dienstag sollte ein Entspannungstag werden. Am späten Vormittag standen zwei mächtige Buddhas auf dem Programm. Jeweils aus einem Jade-Block geschnitzt sind beide 3-4 m großen Figuren, die eine sitzend, die andere liegend, in einem Tempel im Norden der Innenstadt untergebracht. Von dort aus haben wir einen Spaziergang durch die ehemalige französische Konzession (ehemaliges Wohngebiet der französischen Kaufleute, die von Shanghai aus Opiumhandel betrieben) gemacht. Leider war wenig von französischer Architektur zu erkennen. Was uns aber sehr freute, war eine große Anzahl von gut riechenden französischen Croissanterien, in denen wir ausgiebig zuschlugen. Den Rest des Tages haben wir mit „Parkhopping“ verbracht, weil uns die Füße weh taten und weil es sehr angenehm war, den Chinesen beim Tai Chi im Park zuzuschauen.

Mittwoch war unser Abreisetag. Allerdings ging unsere Fähre nach Putuoshan erst um 20 Uhr, so dass wir noch Zeit hatten, ins schöne, moderne Shanghaier Aquarium zu gehen. Das Aquarium hat einen 120m langen, spektakulären Unterwassertunnel, in dem Haie, Rochen, Meeresschildkröten und anderes Unterwassergetier über einen hinweg schwimmen. Leider mussten wir auch hier die Unart der Chinesen, sehr laut und unsensibel zu sein, ertragen. Obwohl überall gut sichtbar Schilder angebracht waren, dass man nicht gegen die Glasscheiben klopfen soll, versuchte jeder Chinese mit aufdringlichem Geklopfe die Tiere aufzuwecken oder deren Aufmerksamkeit zu erregen um mit seinem Fotohandy gegen die Scheibe zu blitzen.

Nach unserem ausgedehnten Aquariumbesuch haben wir noch etwas die Sonne genossen und sind zurück ins Hostel gefahren um unser Gepäck einzusammeln und uns zur Fähre zu begeben. Zu unserer Nachtfahrt mit der Fähre und zu Putuoshan dann im nächsten Post mehr.

Montag, 24. März 2008

Entspannung am Westlake

Letzten Dienstag sind wir völlig unproblematisch von Peking nach Hangzhou geflogen. Alles hat super funktioniert. Allerdings können wir uns als „reiche Westeuropäer“ auch die für unsere Verhältnisse spottbilligen Taxen zum/vom Flughafen leisten, was die Sache erheblich erleichtert. Mit ÖPNV wäre das sicher nicht so entspannt gelaufen.

Hangzhou ist eine Provinzhauptstadt mit ca. 1 Mio. Einwohner im engeren Stadtgebiet… für chinesische Verhältnisse also ein Kleinstadt. Sie gilt als reiche Stadt, was man nicht nur an zwei Ferrari- und einem Porsche-Händler erkennen kann. Das Stadtgebiet besteht aus zwei Teilen, die durch den Fluss Qiantang getrennt sind. Vom Flughafen fuhren wir erst durch „Neustadt“, also Downtown Hangzhou, geprägt durch hohe, neue Häuser mit Glasfassade und Verwechselungsgefahr. Kaum ein Mensch war hier auf den Straßen zu sehen. Nach Überqueren des Flusses begann das eigentliche Stadtgebiet mit dem Westlake, der malerisch in eine Hügellandschaft eingebettet ist.

Unser Hostel lag dann auch direkt am Westlake. Nachdem der Taxifahrer seine anfängliche Unkenntnis der Hosteladresse nach einigen wütenden Telefonaten überwunden hatte, konnten wir das Taxi nahe des Hostels verlassen. Freundlich empfing man uns hier auf Englisch. Wir konnten abermals ein schönes Zimmer mit Holzvertäfelung, Dachfenster und eigenem LAN-Anschluss beziehen.

Sofort machten wir uns auf den Weg zum See, der für viele Chinesen ebenfalls ein touristisches Primärziel ist. Dementsprechend waren trotz Nebensaison und „wochentags“ unglaubliche Völkerwanderungen zu beobachten. Hafti musste erneut mehrfach als Fotomotiv fürs Familienalbum einiger Einheimischer herhalten. Man muss dazu sagen, dass sich die Menschenmassen hier sehr gut verteilen, so dass am einen oder anderen Uferplätzchen doch Ruhe herrschte und wir uns von Peking erholen konnten.

Das taten wir dann auch zwei Tage lang beim Spazierengehen und Radfahren. Einziger und nicht ernst gemeinter Störfaktor war der allmorgendliche Open-Air-Kindergartenfrühsport mit Musikbeschallung vor unserem Zimmerfenster. War niedlich.

Von Hangzhou aus sind wir am Samstag mit dem Express-Zug nach Shanghai gefahren. Die Entfernung entspricht der von Berlin nach Leipzig. In China ist das eine Reise durch Vororte. Richtig ländliche Regionen zwischen Hangzhou und Shanghai haben wir vom Zug aus nicht gesehen.

Mittwoch, 19. März 2008

Smog-City

So, nun kanns weitergehen mit dem Schreiben….
Ich (Johanna) sitze gerade auf in dem wunderschönen Innenhof unseres Hostels in Peking trinke meinen Morgenkaffee. Hier beginnt der Frühling. Die ersten Bäume blühen schon und über mir ist durch den Smog durchaus blauer Himmel zu erahnen.

Es ist unser dritter Morgen in Peking. Unsere letzte Nacht in der Transsib war nicht wirklich erholsam, weil ziemlich laut und unruhig. Also haben wir nicht viel geschlafen. Aber so haben wir unsere Ankunft um halb sechs morgens auch nicht verpasst.

Die „Reise“ zu unserm Hostel war sehr einfach, weil um diese Zeit die Metro noch ganz leer war und vor allem entgegen meiner Befürchtungen die Stationen und Straßennamen überall auch in lateinischer Schrift angegeben sind. Auf unserem Weg sind wir auch im Morgengrauen am Platz des Himmlischen Friedens vorbeigekommen, was ein ziemlich beeindruckender Anblick war. So haben wir uns gut durchgeschlagen und sind um sieben an unserem Hostel angekommen, wo wir auch sehr nett aufgenommen wurden. Unser Zimmer war natürlich so früh noch nicht beziehbar. So haben wir unser Gepäck abgestellt und sind erstmal in die Stadt gegangen und haben was aufgesucht? Starbucks natürlich! Dort haben wir erstmal wieder richtigen Kaffee getrunken, E-Mails gecheckt und schon mal ein bisschen die Weiterreise geplant. Wir hatten ja bis dahin nur die Jugendherberge in Peking gebucht und nichts sonst.

Mittags haben wir uns dann wieder aufgemacht ins Hostel mit einem „kleinen“ Umweg über den Tian´anmen-Platz und die Vorhöfe der verbotenen Stadt. Unser Hostel liegt genau im Stadtzentrum sozusagen an der Begrenzungsmauer zur verbotenen Stadt. Dort haben wir dann unser Zimmer bezogen, das uns so gut gefällt, dass wir es gleich noch um eine Nacht verlängert haben. Endlich ein Doppelbett und vor allem ein eigenes Bad mit toller Dusche (was für ein Luxus)! Das Bett haben wir sofort für einen Mittagsschlaf benutzt und sind danach noch mal in die Stadt gewandert Richtung Beihai-Park der hauptsächlich aus einem großen See mit einer Insel besteht, auf der wunderschön ein Tempel und eine Dagoba liegen. Abendessen gabs dann auf dem Night-Market… eine Straße voller kleiner Buden an denen man wirklich alles zu Essen bekommt, was die chinesische Küche so hergibt… Dim Sum (Teigtaschen mit Füllung), alles was man frittieren kann (inklusive Tausendfüßler, Seepferdchen, Seesterne, Hirschfleisch etc.), gedämpfte Krabben und Krebse, Obstspieße, Nudelpfanne und so weiter und so fort. Wir haben uns erstmal vorsichtig an Dim Sum gehalten und waren sehr zufrieden.

Gestern haben wir uns Fahrräder gemietet, um in der Stadt besser voranzukommen. Fahrradfahren ist hier entspannter als in Berlin, weil die Fahrradfahrer eine eigene Spur auf der Straße haben. Die ist nicht so klein wie Berliner Radwege sondern so breit wie eine normale Autospur. Außerdem sind hier so viele Radfahrer unterwegs, dass man einfach nur im Schwung mitfahren muss, dann gibt’s kein Problem.
So haben wir mit unseren Fahrrädern auch einen ziemlich großen Kreis abgefahren, der uns als erstes in den Tiantan-Park führte, in dem der sehr berühmte Himmelstempel steht. Dort sind wir zwei Stunden herumgewandert mit ganz vielen chinesischen Familien zusammen, die ihren Samstags-Familien-Ausflug gemacht haben.
Danach haben wir uns wieder aufs Fahrrad geschwungen und haben zwei Tempel im Westen der Stadt besucht, den Tempel der himmlischen Ruhe und den Tempel der weißen Wolke. Letzterer ist eigentlich ein ganzes Areal von daoistischen Tempeln. Für jede Gelegenheit einer. Die Anlage ist wunderschön. Man kommt aus der lauten und hektischen Stadt und betritt plötzlich eine ganz andere Welt voller Ruhe. In diesem Tempel leben heute sogar noch 30 Mönche, die allerdings mit dem Handy am Ohr vor einem auf den Tempelboden rotzen. Das Rotzen ist hier übrigens (bei der Luftqualität) usus. Männer tun es, Frauen auch. Für uns Europäer ist es aber selbst nach dem hundertsten Mal der Beobachtung gewöhnungsbedürftig. Ich zucke ständig zusammen, wenn sich ein Rotzer aus irgendeiner Richtung durch kräftiges Würgen und Röcheln ankündigt.

Anschließend sind wir noch mal zum Beihai-Park gefahren und haben zu Fuß den See umrundet. Beim Fahrradverleih haben wir dann unsere getreuen Drahtesel abgegeben und sind zu Fuß zum Night-Market um zu Abend zu essen. Diesmal haben wir uns an Wraps getraut, wieder an Dim Sum und an frittierte Eiscreme (ist nicht so lecker, wie es sich anhört).

Nun wieder ein kleiner Zeitsprung… es ist Abend desselben Tages. Zwischendurch sind wir im Sommerpalast des Kaisers außerhalb von Peking gewesen. Wir haben uns getraut, hier Taxi zu fahren. Anders kommt man da nämlich von der letzten Metro-Station aus nicht hin. Außer mit dem Bus und das ist noch komplizierter als Taxi, es sei denn, man spricht chinesisch.
Es waren unglaublich viele Menschen dort unterwegs. Aber dadurch konnte ich auch ein paar unglaublich süße kleine chinesische Kinder fotografieren. Ich glaube, ich muss eins davon mitbringen! Nein, im Ernst.. das geht natürlich nicht, aber die sind wirklich alle sooooooooo niedlich! Nun Schluss mit den weiblichen Anwandlungen und weiter im Text:
Viele, viele Tempel gab es im Sommerpalast natürlich auch sowie einen großen See auf dem ganz viele Ruderboote und für die Touristen Drachenboote gondelten. Da mir die vielen Menschen nach vier Stunden ganz schön auf den Keks gingen und wir einen Großteil des Geländes erkundet hatten, sind wir wieder zurück zum Hostel gefahren… diesmal Metro im Berufsverkehr… man bekommt doch ne Menge Rippenstöße in dem Gedrängel.
Und nun sitzen wir im Hostel, haben was gegessen und ganz fleißig unsere Wäsche gemacht.
Für morgen planen wir einen Ausflug an die große Mauer auf eigene Faust. Na mal sehen, ob wir das hinbekommen. Morgen dann mehr.

Oh Mann… tun uns die Füße weh… Es ist Montagabend. Tag vier in Peking. Heute waren wir an, auf und unter der großen chinesischen Mauer und auch ein bisschen um sie herum. Wir haben uns der Touristenfahrt, die vom Hostel aus angeboten wird, verweigert und sind allein zur großen Mauer aufgebrochen. Ausgesucht hatten wir uns wegen der im Reiseführer als „spektakulär“ bezeichneten Blicke und weil dort am wenigsten Touristen sein sollten für das Stück zwischen Jinshanling und Simatai. Dies sollte auch das originärste Teilstück der großen Mauer sein und liegt ca. 110 km nördlich von Peking. Wir sind früh aufgestanden und erstmal mit der U-Bahn bis zu einem großen Busbahnhof im Norden der Stadt gefahren und haben gehofft, dass von dort aus ein Bus nach Jinshanling fährt. Aber leider wird der Busbahnhof wegen Olympia gerade rundum saniert und ausgebaut, so dass dort das reinste Chaos herrschte und kein Bus in die richtige Richtung zu finden war. Deshalb haben wir uns dann auf ein Angebot von einem älteren chinesischen Ehepaar eingelassen, dass einen privaten Tourservice betreibt und uns mit ihrem Minibus nach Jinshanling bringen und nach unserer Wanderung nach Simatai wieder nach Peking zurückfahren wollte. Der Service kostete 400 Yuan also ungefähr 36 Euro. Naja, man ist ja nur einmal da und man kann ja nicht in Peking gewesen sein ohne die große Mauer gesehen zu haben.
Die Fahrt dauerte dann 2 Stunden, war aber dank der sehr kommunikativen Ehefrau (die allerdings immer nur mit Sebastian sprach, weil er der „Sir“ ist) ziemlich unterhaltsam. Nur der rasante Fahrstil des Ehemannes ließ mich ab und zu tief durchatmen.
In Jinshanling angekommen starteten wir unsere Wanderung und stellten schnell fest, dass die spektakulären Ausblicke vor allem wegen der hohen Berge zu erwarten waren. Als ich das erste Mal auf der Mauer stand, dachte ich „Das schaff ich niemals bis ans andere Ende des Stücks!“. Vier Stunden später war ich eines besseren belehrt worden und ziemlich k.o. „Originär“ heißt leider eben auch „ziemlich verfallen an vielen Stellen“, so dass oft eher kraxeln als wandern angesagt war. Häufiger fehlten auch die Seitenmauern ganz während man im 60-Grad-Winkel auf lockeren Steinen die Mauer erklomm oder hinabstieg, so dass Schwindelgefühle vorprogrammiert waren. Aber es hat sich gelohnt!!!
Die Mauer ist schon ein unglaubliches Bauwerk und an diesem Teilstück auch von einer wunderschönen, zerklüfteten Landschaft umgeben. Man kann sich gar nicht vorstellen, wie dieses Monument von Menschen erschaffen worden sein soll. Schade nur, dass sie ihre Bestimmung, Feinde abzuwehren, nie wirklich erfüllt hat.
In Simatai holte uns wie versprochen das Ehepaar wieder ab (wir hatten auch noch nicht bezahlt…) und fuhr uns nach Peking zum Busbahnhof zurück. Nun sitzen wir mit schmerzenden Füßen im Hostel und pflegen unseren Sonnenbrand, den wir uns geholt haben. Ja, Sonnenbrand… die Mauer liegt eben ganz schön weit oben in den Bergen und es hat den ganzen Tag die Sonne geschienen. Morgen haben wir dann unseren letzten Tag in Peking bevor wir am Mittwoch nach Hangzhou aufbrechen.

Dienstag Abend im Hostel… Heute gibt es nicht allzu viel zu erzählen, denn als wir heute Morgen aufstanden war keine Sonne zu sehen und die Tür wollte man lieber auch nicht aufmachen, denn ein „kleiner“ mongolischer Sandsturm fegte über Peking hinweg. Wir haben es uns dann im Gemeinschaftsraum gemütlich gemacht und mit einem sehr redseligen Tschechen namens Michael ausführlich Kaffee getrunken. Da wir die verbotene Stadt noch nicht wirklich angeschaut hatten, haben wir dieses Unterfangen dann trotzdem tapfer in Angriff genommen. Aufgrund der sehr eingeschränkten Sicht und der enormen Bauarbeiten, die vor allem an den Hauptattraktionen der verbotenen Stadt im Gange waren, währte unser Besuch allerdings nicht lange. Fotos gibt’s dementsprechend auch keine.
Wir (also hauptsächlich ich) haben dann die gute Gelegenheit ergriffen und sind ein bisschen shoppen gegangen, weil man sich dabei in den Gebäuden verkriechen kann. Wir waren im Freundschaftsladen und auf dem sehr lauten und ramschigen Seidenmarkt (wo es kaum etwas aus Seide sondern hauptsächlich billige T-Shirts gab). Im Freundschaftsladen haben wir allerdings ein schönes verspätetes Geburtstagsgeschenk für mich erstanden.
Danach haben wir uns ins Hostel verzogen und viel Zeit damit verbracht, den Flug für morgen nach Hangzhou zu organisieren und gleichzeitig Michaels Kommunikationsbedürfnis zu befriedigen. Jetzt gehen wir packen und dann ins Bett, morgen heißt´s früh aufstehen.

Samstag, 15. März 2008

Moskau-Peking in 6 Tagen und 27 Minuten

Am dritten und letzten Tag unseres Aufenthaltes in Moskau zeigte sich das Wetter von seiner für diese Jahreszeit typischen Seite. Hatten wir am Vortag noch überwiegend Sonne und leichte Bewölkung genossen, so war der Himmel am Freitag völlig bedeckt, es schneite und regnete abwechselnd – insgesamt war es ungemütlich. Nachdem wir ausgecheckt und das Hostel gegen 10 verlassen hatten, brachten wir unser 40 kg schweres Gepäck erst einmal zum Bahnhof (Jaroslawl’ voksal), von dem am späten Abend unser Zug nach Peking auslaufen sollte. Dort angekommen, fanden wir nach einigem Herumgeirre auch den Gepäckaufbewahrungsservice. Im Gegensatz zur Kollegin von der Bahnhof-Information sprach der Gepäckservicemitarbeiter sogar ein paar Brocken Englisch, so dass es kein Problem war, unser Gepäck bis 22 Uhr abends zu verwahren.

Am Abend zuvor hatten wir uns im Internet noch einmal über das historische Dorf informiert, das wir nicht gefunden hatten. Tatsächlich liegt zwischen dem Dorf /Park und der Metro-Station Kolomenskaya ein Neubaugebiet. Von der Metro-Station muss man ca. 10 Minuten laufen. Der Park selbst besteht aus kleinen Kirchen und Holzbauten (unter anderem eine Datscha Peters des I.), die teilweise von Orten hierher verlegt und „gesammelt“ wurden. Nach einem zweistündigen Spaziergang knurrte uns der Magen. Zum Glück erwartete uns am Ausgang des Parks ein kleiner Kiosk mit leckeren käsegefüllten Bliny.

Am Nachmittag (wir waren mittlerweile durchgefroren) kehrten wir erneut bei Starbucks ein, um die vom Vortag übrig gebliebenen Internetminuten (Prepaid) zu verbrauchen. Nachdem wir Wärme aufgetankt hatten, liefen wir vom Arbat aus in Richtung Hotel Ukraine an der Moskwa. Gegenüber dieses Stalin-Baus befindet sich das sog. „Weiße Haus“, in dem früher einmal der Oberste Sowjet saß, jetzt das Kabinett der Russischen Föderation sitzt und das Jelzin während der Verfassungskrise 1993 von Panzern beschießen ließ.

Bei einsetzender Dunkelheit fuhren wir erneut zum Roten Platz, um ein letztes Mal in der Butterbrotnaja klassische Pelmeni zu schnabulieren und die spektakulären Damen-Toiletten im Edelkaufhaus GUM zu fotografieren, bevor wir uns schließlich in Richtung Bahnhof bewegten. Dort angekommen kauften wir Lebensmittel für unterwegs ein und ließen uns für zähe 3 Stunden im Wartesaal nieder.

Gegen 23 Uhr wurde dann das Gleis bekannt gegeben, auf dem unser Zug Nr. 20 abfahren würde. Endlich konnten wir unser Gepäck zusammen raffen und das Abteil beziehen, das für die nächsten sechs Tage unser zu Hause sein würde. Wir waren angenehm überrascht. Entgegen aller zuvor gehörten Horrorgeschichten, erwies sich unser Abteil als absolut sauber, wohl temperiert und geruchsneutral, ja fast wie neu eingerichtet. Also verstauten wir unser Gepäck, bezogen unsere Betten und ratzten erst einmal bis zum nächsten Morgen durch.

Nach dem zweieinhalb-tägigen Moskau-Marathon war der erste Tag im Zug geprägt von Relaxen und Erkunden. Wir probierten alles aus, schauten durch den Zug und kauften kleine Leckerein bei den Bahnsteighändlern in Balezinow.

Der Komfort im Zug ist klasse. Jeder Wagen wird autark auf 20 °C beheizt/klimatisiert. Zwei Zugbegleiter kümmern sich in abwechselnden Schichten um alles. Unsere Zugbegleiter heißen Tatjana Wladimirowna und Valerie Nicolaijewitsch. Am hinteren Ende des Waggons befindet sich ein Samowar, an dem man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit 80 °C heißes Wasser z. B. für Tee holen kann – herrlich! Auf dem Gang gibt es 220 V Steckdosen, so dass wir nicht auf den Akku unseres Notebooks angewiesen sind. Insgesamt gibt es im Waggon neun Abteile, von denen aber ab Moskau neben unserem nur ein weiteres belegt war. Die Toilettengänge sind damit in jeglicher Hinsicht überhaupt kein Problem. Wie wir auf einer Plakette in unserem Abteil lesen konnten, wurde der Waggon (oder der Innenausbau) im Oktober 2007 fertig gestellt. Wir gehören damit zu den ersten Reisenden, die den Waggon nutzen dürfen. Das erklärt wahrscheinlich auch den guten Zustand. Zum entspannten Reisegefühl trägt ebenfalls die Geschwindigkeit des Zuges bei, die stetig unter 100 km/h liegt. Wir haben also genügend Zeit aus dem Fenster zu schauen und ein paar Schnappschüsse zu machen ;) Am Ende des ersten Tages erreichten wir die letzte Bastion Europas – die Stadt Perm kurz vor dem Ural. Leider war es bereits dunkel und so konnten wir die Überfahrt über den Ural nur erahnen.

Am zweiten Tag (Sonntag den 9.3.) erwachten wir, als der Zug gerade aus Tjumen’ (Km 2066) ausfuhr. Ekaterinburg kurz hinter dem Ural hatten wir in der Nacht verpasst. Aber nun waren wir in Asien – beide zum ersten Mal. Die nächste Station, Omsk, war für 14:00 Uhr angesagt und lag noch knapp 500 km oder 7 Stunden entfernt. Also begannen wir den Tag so wie wir den vorangegangen beendet hatten… wir machten Tee, lasen Bücher und schauten aus dem Fenster.

Nun könnte man denken, zwischen den großen Städten sei nichts los entlang der Transsib-Trasse. Aber es gibt immer etwas zu erspähen, wenn man aus dem Fenster schaut. Vor allem die unzähligen, für unsere Verhältnisse ärmlichen Siedlungen mit kleinen, verfallenen, aber bunten Häuschen sind immer ein Eyecatcher. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich dort das Leben abspielt… fern irgendwelcher Straßen, Einkaufsmöglichkeiten oder sonstiger zivilisatorischer Errungenschaften. Einzig die Transsib als direkter (Lebensmittel, Konsumartikel) und indirekter (Strom, Transport) Versorger ist der Grund, warum sich diese Siedlungen dort entwickelt und gehalten haben. Gleichzeitig prägen viele verfallene Industrieanlagen das Bild entlang der Trasse.

In Omsk angekommen (Aufenthalt 15 Minuten), versuchte Johanna eifrig, weitere Lebensmittel (vor allem Vitamine) aufzutreiben. Wir nutzen die Gelegenheit außerdem, um uns die Beine ein wenig zu vertreten. Nach dem Aufenthalt in Omsk hatten wir Hunger bekommen auf ein warmes Abendessen. Kurzer Hand suchten wir den Speisewagen auf, der praktischerweise direkt an unseren Waggon angeschlossen ist. Im Nu zauberte uns der Koch ein leckeres Schweinschnitzel und ein Schinkenomelett aus frischen Eiern (die Eierschale im Omelett gilt als Beweis). Später am Abend erreichten wir dann noch Novosibirsk, leider wiederum im Dunklen und schon kurz vorm zu Bettgehen.

Erste Station des dritten Tages war Krasnojarsk, die Aluminium-Metropole Russlands (zweitgrößte Aluminiumhütte der Welt), welche eigentlich malerisch am Jenissej und an den Ausläufern des Ostsajan-Gebirges gelegen ist. Schon vor Erreichen der Stadt konnte man aus dem Fenster großzügige Tagebaue beobachten, die sich in die Landschaft schnitten. Wiederum nutzten wir den kurzen Aufenthalt, um uns den Bahnhof und das Treiben anzuschauen. Die Stadt selbst ist sehr von der Aluminiumindustrie „geprägt“. Aus dem Zug haben wir viele Industrieanlagen und bräunlich dampfende Schlote gesehen. Die Brücke übrigens, die unseren Zug über den Jenissej getragen hat, wurde 1890 fertig gestellt und ist 1 km lang. Bei der Weltausstellung 1900 in Paris wurde sie mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Bemerkenswertes gab es am dritten Tag sonst nicht. Während ich diese Zeilen tippte, goss Johanna versehentlich Kaffee, den sie mir liebenswürdigerweise gerade bringen wollte, über das Notebook. Seitdem funktioniert die Backspace-Taste nicht mehr. Aber halb so schlimm. Ansonsten läuft unser kleines Schwarzes noch vorzüglich. Und die Entfernen-Taste gibt’s ja zum Glück auch noch ;)

In der Nacht vom dritten zum vierten Tag haben wir bei Birjusinsk die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht (Km 4500). Um uns Irtkusk (Km 5185), das „Paris Sibiriens“, aus dem Zug anzuschauen, sind wir früh aufgestanden… sehr früh. Leider hat es sich nicht gelohnt. Abgesehen von den grauen Wetterverhältnissen, boten sich uns vom Zug aus nur Industrieanlagen, Plattenbauten, Ruinen und viele Garagen. Auch der Bahnhof war nicht wirklich aussteigenswert. Beim Verlassen der Stadt stapelte sich der Müll an der Bahntrasse. „Es kommt ja zum Glück noch der Baikalsee“, dachten wir. Allerdings ist der von November bis Mai zugefroren und aufgrund des Wetters gab es keinen merklichen Kontrast zwischen See und Horizont. Trotzdem sehr beeindruckend, das Gewässer. Am selben Tag sind wir noch in Ulan-Udé (Km 5640), der Hauptstadt der Republik Burjatien, vorbeigekommen. Ansonsten gab es keine besonderen Vorkommnisse und so nutzen wir den Tag erneut, um Haare zu waschen (auf dem Waggon-WC keine einfache Sache), zu lesen und Nichts zu tun.

In der Nacht wurde erneut unsere Lok in Cita ausgewechselt. Das regelmäßige Wechseln ist auf der langen Strecke ganz normal. Anders als vorher fuhren wir nun jedoch mit einer Diesellok, da die Strecke ab Cita nicht elektrifiziert ist. Im Abteil roch es dadurch teilweise nach Berliner Winter (verbranntes Heizöl), was Johanna sehr heimelig fand.

Am fünften Tag machten wir zunächst kurz in Borzja (Km 6543) Halt, bevor wir insgesamt 11 h für den Grenzübertritt von Russland nach China hinter uns brachten. In Zabajkal’sk (Km 6666) wurden wir in den hiesigen Bahnhofsaal verfrachtet und durften das Bahnhofsgelände nicht verlassen. In den Zug konnten wir jedoch auch nicht zurück, da dieser von der russischen Breitspur auf kontinentale Normalspur umgerüstet wurde. Wahrscheinlich war außerdem der Zoll damit beschäftigt, unser Abteil zu durchwühlen ;) Also saßen wir 6 ½ Stunden auf einem Bahnhof fest, auf dem die „Cafeteria“ gerade saniert wurde. Damit nicht genug. Bei Einbruch der Dunkelheit durften wir den Zug wieder betreten und er fuhr dann ca. 15 Minuten bis zur nächsten Stadt (Manzhouli, Km 6678) hinter der Grenze und stand dort weitere 4 ½ h, wobei die Zug-Toilette, wie bei jedem Bahnhofshalt, geschlossen war. Positiv überrascht hat uns das freundliche, schnelle und vor allen Dingen Englisch sprechende chinesische Grenzpersonal. Sie scheinen schon fleißig für Olympischen Spiele im Sommer zu üben. Auch andere schöne Sachen gab es an diesem Tag: z. B. leckere Piroschki mit Frühlingsrollenfüllung auf dem Bahnhof in Zabajkal’sk oder die schöne Landschaft mit dem ersten strahlend blauen Himmel seit fünf Tagen und Tieren (Kühe). Außerdem waren wir jetzt in China, unserem ersten großen Ziel. Und als Sahnehäubchen zu guter Letzt beim Verfassen dieser Zeilen: die totgeglaubte Backspace-Taste funktioniert wieder.

Am sechsten und letzten Tag in der Transsib wurden wir morgens von einer wunderschönen Landschaft überrascht. Goldenes Licht, sanfte Hügel, kleine Dörfer und noch mehr Tiere als wir den „Großen Chingan“ durchfuhren. Leider fährt der Zug in China sehr viel schneller als in Russland, so dass gute Fotos aus dem Zugfenster ganz große Glückssache sind. Wir habens natürlich trotzdem probiert und in Harbin konnten wir Valerie Nicolaijewitsch sogar dazu überreden, unser Fenster von außen zu säubern. Sonst denkt die ganze Welt noch, in China gäbs kein Licht.

Unser erster Eindruck von China war ziemlich gut. Auf den Bahnhöfen ist alles Wichtige auch auf Englisch zu finden, die Chinesen machen einen sehr freundlichen und offenen Eindruck im Gegensatz zu den Russen und irgendwie mutet hier alles ein wenig westlicher an als in Russland. Zwar gibt es hier auch ganz viele kleine Dörfer neben der Bahntrasse, die wirken jedoch bei weitem nicht so trostlos und ruiniert wie in Russland. Und ein echter Hingucker ist auf jedem noch so kleinen Bahnhof der Bahnhofsvorsteher (öfter sogar 3 Bahnhofsvorsteher), der in Galauniform mit ernster und wichtiger Miene der Durchfahrt des Zuges „huldigt“.

Die einzige große Stadt auf unserer Strecke an diesem Tag war Harbin (Km 7613) wo wir 20 Minuten Stop hatten. Auf dem riesigen Bahnhof konnten wir uns gar nicht großartig umsehen. Die 3,2-Millionen-Einwohner-Stadt sah von der Bahn sehr modern und westlich aus. Allerdings haben wir zwischen den Straßenschluchten auch viele sehr verfallene, fast slumartige Hütten (in Deutschland nicht mehr als ein Schuppen) gesehen.

In Manzhouli hatten wir einen neuen, chinesischen Speisewagen bekommen, denn die Speisewagen verlassen ihr jeweiliges Land nicht. Den haben wir dann gleich mal getestet und unser erstes richtiges chinesisches Essen gegessen. Es gab Schweinefleisch süß-sauer und geröstetes Huhn. Beides schmeckte sehr gut, hatte aber eine ganz andere Geschmacksrichtung als die in Deutschland gewohnten chinesischen Gerichte. Wir haben uns gleich fürs Abendessen noch was einpacken lassen, weil der chinesische Speisewagen pünktlich um 19 Uhr schließt und testen dann heute Abend noch zwei neue Speisen.

So, falls ihr noch nicht eingeschlafen seid, hier ein kleiner Zeitsprung. Wir sind mittlerweile schon seit fast 2 Tagen in Peking. Allerdings gibt’s hier ne Menge gesperrter Internetseiten und so ist es ein bisschen schwierig, den Blog auf dem Laufenden zu halten. Wir „senden“ euch deshalb jetzt erstmal unseren Bericht der Transsib-Reise und schreiben dann weiter. Fotos können wir leider deswegen auch erstmal nicht mitliefern. Die folgen dann mit dem nächsten Bericht hoffentlich in den nächsten Tagen.

Uns geht’s hier gut, Peking ist toll, die Unterkunft auch.

Bis die Tage dann.

Freitag, 7. März 2008

From Russia With Love

Gestern sind wir nach langem und herzlichem Abschied am Flughafen Tegel, der zum Glück nicht bestreikt wurde, ins Abenteuer gestartet. Mit ca. 30 Worten Russisch (29 davon spricht Johanna) haben wir uns nach Ankunft in Moskau-Domodjedowo innerhalb von drei Stunden zu unserem vorübergehenden Quartier durchgeschlagen. Berichte darüber folgen später, damit ihr Euch keine Sorgen macht ;) Nur so viel: „Im Internet sah es doch so toll aus!“ Nun ja, so kommt uns die Transsib wahrscheinlich wie das Hilton vor. Für zwei Nächte und Moskauer Preise ist es aber okay.

Gestern Abend haben wir uns zur Rush Hour todesmutig noch in die Metro geworfen und sind zum Roten Platz gefahren. War schattig!!! ;) und wir hatten keine Handschuhe dabei… Die Metro erfordert höchste Konzentration, vor allem von nicht Moskovitern. Andernfalls wird man ohne großes Aufsehen umgemangelt. Technisch sind vor allem die ewig langen Rolltreppen und die 50 Jahre alten, infernalisch klingenden Züge interessant. Nachdem wir erste Erfrierungen an uns feststellten, haben wir uns im Regierungsviertel noch ne heiße Schokolade mit der Konsistenz von Nutella *lecker* gegönnt. War eigentlich sehr entspannt. Nur die schwarzen S-Klassen, Porsche Cayennes, Range Rovers mit laufenden Motoren und kurzhaarigen, breitschultrigen, sonnenbrillenausgestatteten Zeitgenossen nebenan sorgten für unterschwellige Nervosität. War aber nix…

Heute hat Hafti das erste mal eine russische Dusche ausprobiert… unter den strengen Augen des niemals lächelnden Jugendherbergsdrachens namens Olga. Scheinbar ist es in Moskau immer gerade dann notwendig die „Sanitäreinrichtungen“ zu reinigen, wenn sie benutzt werden. Nach einem guten alten Starbucks-Kaffee/Tee machten wir uns auf den Weg zur Lomonossov-Universität, die Hafti unbedingt mal anfassen wollte. Ging leider nicht. Zwar versuchten wir uns mit stoischer Miene unter die richtigen Studenten gemischt am Wachmann vorbei zu mogeln. Mit einem ebenso grimmigen wie simplen „Njet“ verwies er uns kurzerhand wieder raus. Nix mit anfassen. Aber Fotos von draußen durften wir machen.

Dann sind wir im russischen Schnee über die naheliegenden Sperlingsberge gekraxelt bzw. gepurzelt und haben die schöne Aussicht über Moskau genossen. Die Sperlingsberge sind eine Art Naherholungsgebiet an der Universität. Es gibt da einen Skihang mit Lift und sogar eine Skisprungschanze! Danach wollten wir uns ein altertümliches russisches Dorf in einem Park im südlichen Außenbezirk von Moskau anschauen. Wir haben eine Stunde in der Metro verbracht, um dann in einem Gebiet zu landen, das sich vor allem durch elfgeschossige Häuser und eine hohen Verkehrsdichte auszeichnete. Mist!!!

Gut, wir haben uns unsere Laune nicht verderben lassen und wollten uns den Kreml anschauen. Rein in die Metro… raus am Kreml. Dort erwartete uns folgendes Schild:



Für alle, die des Russischen nicht mächtig sind: „Kreml heute geschlossen“ steht da. Doppelmist!!!

Ein besonderes Highlight unseres Tages wurde dann das sehr späte Mittagessen. Anne und Claudi aufgepasst: Wir waren in der Butterbrotnaja. Ja, die gibt’s noch! Für alle Nichteingeweihten: Neben dem glamourösen Kaufhaus GUM gibt es eine kleine aber warme Kaschemme, vergleichbar Konnopkes (nur drinnen) in der leckere russische Hausmannskost zu sehr moderaten Preisen angeboten wird. Da haben wir uns erstmal originale Pelmeni (Teigtaschen mit Fleischfüllung in Brühe mit saurer Sahne) gegönnt. *leckerschmecker*

Als Abschluss unserer heutigen Tour stand die Christus-Erlöser-Kathedrale auf dem „Programm“. Sah vom Kreml gar nicht weit entfernt aus. Aber wir hatten die Rechnung ohne den Wirt, besser den Moskauer Straßenverkehr, gemacht. In Moskau geht man nicht dort über die Straße, wo man das möchte. Bei ungefähr 30-spurigen Straßen (nur in eine Richtung) und einem Durchschnittstempo der Autos von 90 km/h fühlt man sich als Fußgänger nicht so wohl bei der spontanen Straßenüberquerung. Zum Glück gibt’s an allen großen Ecken Fußgängertunnel. Nur auf unserer geplanten Route zur Kathedrale hatten die Stadtplaner nicht an solch einen Tunnel gedacht, so dass wir erst 2 km in die entgegen gesetzte Richtung laufen mussten, bevor wir wieder Peilung aufnehmen konnten. Kathedrale hat nicht ganz entschädigt, aber hell war’s vor lauter Gold.

Das war’s fürs Erste. Falls hier jemand denkt, wir würden jetzt immer so viel schreiben, hat er sich geschnitten. Wir sind nur müde und vor Allem ist uns kalt, so dass uns jeder Grund recht ist, um schön im warmen Starbucks zu sitzen. Morgen geht’s in die Transsib, da ist sowieso nix mit Internet und Blog-Schreiben bis Peking.

Seid alle lieb gegrüßt… doswidanja