Samstag, 15. März 2008

Moskau-Peking in 6 Tagen und 27 Minuten

Am dritten und letzten Tag unseres Aufenthaltes in Moskau zeigte sich das Wetter von seiner für diese Jahreszeit typischen Seite. Hatten wir am Vortag noch überwiegend Sonne und leichte Bewölkung genossen, so war der Himmel am Freitag völlig bedeckt, es schneite und regnete abwechselnd – insgesamt war es ungemütlich. Nachdem wir ausgecheckt und das Hostel gegen 10 verlassen hatten, brachten wir unser 40 kg schweres Gepäck erst einmal zum Bahnhof (Jaroslawl’ voksal), von dem am späten Abend unser Zug nach Peking auslaufen sollte. Dort angekommen, fanden wir nach einigem Herumgeirre auch den Gepäckaufbewahrungsservice. Im Gegensatz zur Kollegin von der Bahnhof-Information sprach der Gepäckservicemitarbeiter sogar ein paar Brocken Englisch, so dass es kein Problem war, unser Gepäck bis 22 Uhr abends zu verwahren.

Am Abend zuvor hatten wir uns im Internet noch einmal über das historische Dorf informiert, das wir nicht gefunden hatten. Tatsächlich liegt zwischen dem Dorf /Park und der Metro-Station Kolomenskaya ein Neubaugebiet. Von der Metro-Station muss man ca. 10 Minuten laufen. Der Park selbst besteht aus kleinen Kirchen und Holzbauten (unter anderem eine Datscha Peters des I.), die teilweise von Orten hierher verlegt und „gesammelt“ wurden. Nach einem zweistündigen Spaziergang knurrte uns der Magen. Zum Glück erwartete uns am Ausgang des Parks ein kleiner Kiosk mit leckeren käsegefüllten Bliny.

Am Nachmittag (wir waren mittlerweile durchgefroren) kehrten wir erneut bei Starbucks ein, um die vom Vortag übrig gebliebenen Internetminuten (Prepaid) zu verbrauchen. Nachdem wir Wärme aufgetankt hatten, liefen wir vom Arbat aus in Richtung Hotel Ukraine an der Moskwa. Gegenüber dieses Stalin-Baus befindet sich das sog. „Weiße Haus“, in dem früher einmal der Oberste Sowjet saß, jetzt das Kabinett der Russischen Föderation sitzt und das Jelzin während der Verfassungskrise 1993 von Panzern beschießen ließ.

Bei einsetzender Dunkelheit fuhren wir erneut zum Roten Platz, um ein letztes Mal in der Butterbrotnaja klassische Pelmeni zu schnabulieren und die spektakulären Damen-Toiletten im Edelkaufhaus GUM zu fotografieren, bevor wir uns schließlich in Richtung Bahnhof bewegten. Dort angekommen kauften wir Lebensmittel für unterwegs ein und ließen uns für zähe 3 Stunden im Wartesaal nieder.

Gegen 23 Uhr wurde dann das Gleis bekannt gegeben, auf dem unser Zug Nr. 20 abfahren würde. Endlich konnten wir unser Gepäck zusammen raffen und das Abteil beziehen, das für die nächsten sechs Tage unser zu Hause sein würde. Wir waren angenehm überrascht. Entgegen aller zuvor gehörten Horrorgeschichten, erwies sich unser Abteil als absolut sauber, wohl temperiert und geruchsneutral, ja fast wie neu eingerichtet. Also verstauten wir unser Gepäck, bezogen unsere Betten und ratzten erst einmal bis zum nächsten Morgen durch.

Nach dem zweieinhalb-tägigen Moskau-Marathon war der erste Tag im Zug geprägt von Relaxen und Erkunden. Wir probierten alles aus, schauten durch den Zug und kauften kleine Leckerein bei den Bahnsteighändlern in Balezinow.

Der Komfort im Zug ist klasse. Jeder Wagen wird autark auf 20 °C beheizt/klimatisiert. Zwei Zugbegleiter kümmern sich in abwechselnden Schichten um alles. Unsere Zugbegleiter heißen Tatjana Wladimirowna und Valerie Nicolaijewitsch. Am hinteren Ende des Waggons befindet sich ein Samowar, an dem man sich zu jeder Tages- und Nachtzeit 80 °C heißes Wasser z. B. für Tee holen kann – herrlich! Auf dem Gang gibt es 220 V Steckdosen, so dass wir nicht auf den Akku unseres Notebooks angewiesen sind. Insgesamt gibt es im Waggon neun Abteile, von denen aber ab Moskau neben unserem nur ein weiteres belegt war. Die Toilettengänge sind damit in jeglicher Hinsicht überhaupt kein Problem. Wie wir auf einer Plakette in unserem Abteil lesen konnten, wurde der Waggon (oder der Innenausbau) im Oktober 2007 fertig gestellt. Wir gehören damit zu den ersten Reisenden, die den Waggon nutzen dürfen. Das erklärt wahrscheinlich auch den guten Zustand. Zum entspannten Reisegefühl trägt ebenfalls die Geschwindigkeit des Zuges bei, die stetig unter 100 km/h liegt. Wir haben also genügend Zeit aus dem Fenster zu schauen und ein paar Schnappschüsse zu machen ;) Am Ende des ersten Tages erreichten wir die letzte Bastion Europas – die Stadt Perm kurz vor dem Ural. Leider war es bereits dunkel und so konnten wir die Überfahrt über den Ural nur erahnen.

Am zweiten Tag (Sonntag den 9.3.) erwachten wir, als der Zug gerade aus Tjumen’ (Km 2066) ausfuhr. Ekaterinburg kurz hinter dem Ural hatten wir in der Nacht verpasst. Aber nun waren wir in Asien – beide zum ersten Mal. Die nächste Station, Omsk, war für 14:00 Uhr angesagt und lag noch knapp 500 km oder 7 Stunden entfernt. Also begannen wir den Tag so wie wir den vorangegangen beendet hatten… wir machten Tee, lasen Bücher und schauten aus dem Fenster.

Nun könnte man denken, zwischen den großen Städten sei nichts los entlang der Transsib-Trasse. Aber es gibt immer etwas zu erspähen, wenn man aus dem Fenster schaut. Vor allem die unzähligen, für unsere Verhältnisse ärmlichen Siedlungen mit kleinen, verfallenen, aber bunten Häuschen sind immer ein Eyecatcher. Man kann sich kaum vorstellen, wie sich dort das Leben abspielt… fern irgendwelcher Straßen, Einkaufsmöglichkeiten oder sonstiger zivilisatorischer Errungenschaften. Einzig die Transsib als direkter (Lebensmittel, Konsumartikel) und indirekter (Strom, Transport) Versorger ist der Grund, warum sich diese Siedlungen dort entwickelt und gehalten haben. Gleichzeitig prägen viele verfallene Industrieanlagen das Bild entlang der Trasse.

In Omsk angekommen (Aufenthalt 15 Minuten), versuchte Johanna eifrig, weitere Lebensmittel (vor allem Vitamine) aufzutreiben. Wir nutzen die Gelegenheit außerdem, um uns die Beine ein wenig zu vertreten. Nach dem Aufenthalt in Omsk hatten wir Hunger bekommen auf ein warmes Abendessen. Kurzer Hand suchten wir den Speisewagen auf, der praktischerweise direkt an unseren Waggon angeschlossen ist. Im Nu zauberte uns der Koch ein leckeres Schweinschnitzel und ein Schinkenomelett aus frischen Eiern (die Eierschale im Omelett gilt als Beweis). Später am Abend erreichten wir dann noch Novosibirsk, leider wiederum im Dunklen und schon kurz vorm zu Bettgehen.

Erste Station des dritten Tages war Krasnojarsk, die Aluminium-Metropole Russlands (zweitgrößte Aluminiumhütte der Welt), welche eigentlich malerisch am Jenissej und an den Ausläufern des Ostsajan-Gebirges gelegen ist. Schon vor Erreichen der Stadt konnte man aus dem Fenster großzügige Tagebaue beobachten, die sich in die Landschaft schnitten. Wiederum nutzten wir den kurzen Aufenthalt, um uns den Bahnhof und das Treiben anzuschauen. Die Stadt selbst ist sehr von der Aluminiumindustrie „geprägt“. Aus dem Zug haben wir viele Industrieanlagen und bräunlich dampfende Schlote gesehen. Die Brücke übrigens, die unseren Zug über den Jenissej getragen hat, wurde 1890 fertig gestellt und ist 1 km lang. Bei der Weltausstellung 1900 in Paris wurde sie mit einer Goldmedaille ausgezeichnet. Bemerkenswertes gab es am dritten Tag sonst nicht. Während ich diese Zeilen tippte, goss Johanna versehentlich Kaffee, den sie mir liebenswürdigerweise gerade bringen wollte, über das Notebook. Seitdem funktioniert die Backspace-Taste nicht mehr. Aber halb so schlimm. Ansonsten läuft unser kleines Schwarzes noch vorzüglich. Und die Entfernen-Taste gibt’s ja zum Glück auch noch ;)

In der Nacht vom dritten zum vierten Tag haben wir bei Birjusinsk die Hälfte der Strecke hinter uns gebracht (Km 4500). Um uns Irtkusk (Km 5185), das „Paris Sibiriens“, aus dem Zug anzuschauen, sind wir früh aufgestanden… sehr früh. Leider hat es sich nicht gelohnt. Abgesehen von den grauen Wetterverhältnissen, boten sich uns vom Zug aus nur Industrieanlagen, Plattenbauten, Ruinen und viele Garagen. Auch der Bahnhof war nicht wirklich aussteigenswert. Beim Verlassen der Stadt stapelte sich der Müll an der Bahntrasse. „Es kommt ja zum Glück noch der Baikalsee“, dachten wir. Allerdings ist der von November bis Mai zugefroren und aufgrund des Wetters gab es keinen merklichen Kontrast zwischen See und Horizont. Trotzdem sehr beeindruckend, das Gewässer. Am selben Tag sind wir noch in Ulan-Udé (Km 5640), der Hauptstadt der Republik Burjatien, vorbeigekommen. Ansonsten gab es keine besonderen Vorkommnisse und so nutzen wir den Tag erneut, um Haare zu waschen (auf dem Waggon-WC keine einfache Sache), zu lesen und Nichts zu tun.

In der Nacht wurde erneut unsere Lok in Cita ausgewechselt. Das regelmäßige Wechseln ist auf der langen Strecke ganz normal. Anders als vorher fuhren wir nun jedoch mit einer Diesellok, da die Strecke ab Cita nicht elektrifiziert ist. Im Abteil roch es dadurch teilweise nach Berliner Winter (verbranntes Heizöl), was Johanna sehr heimelig fand.

Am fünften Tag machten wir zunächst kurz in Borzja (Km 6543) Halt, bevor wir insgesamt 11 h für den Grenzübertritt von Russland nach China hinter uns brachten. In Zabajkal’sk (Km 6666) wurden wir in den hiesigen Bahnhofsaal verfrachtet und durften das Bahnhofsgelände nicht verlassen. In den Zug konnten wir jedoch auch nicht zurück, da dieser von der russischen Breitspur auf kontinentale Normalspur umgerüstet wurde. Wahrscheinlich war außerdem der Zoll damit beschäftigt, unser Abteil zu durchwühlen ;) Also saßen wir 6 ½ Stunden auf einem Bahnhof fest, auf dem die „Cafeteria“ gerade saniert wurde. Damit nicht genug. Bei Einbruch der Dunkelheit durften wir den Zug wieder betreten und er fuhr dann ca. 15 Minuten bis zur nächsten Stadt (Manzhouli, Km 6678) hinter der Grenze und stand dort weitere 4 ½ h, wobei die Zug-Toilette, wie bei jedem Bahnhofshalt, geschlossen war. Positiv überrascht hat uns das freundliche, schnelle und vor allen Dingen Englisch sprechende chinesische Grenzpersonal. Sie scheinen schon fleißig für Olympischen Spiele im Sommer zu üben. Auch andere schöne Sachen gab es an diesem Tag: z. B. leckere Piroschki mit Frühlingsrollenfüllung auf dem Bahnhof in Zabajkal’sk oder die schöne Landschaft mit dem ersten strahlend blauen Himmel seit fünf Tagen und Tieren (Kühe). Außerdem waren wir jetzt in China, unserem ersten großen Ziel. Und als Sahnehäubchen zu guter Letzt beim Verfassen dieser Zeilen: die totgeglaubte Backspace-Taste funktioniert wieder.

Am sechsten und letzten Tag in der Transsib wurden wir morgens von einer wunderschönen Landschaft überrascht. Goldenes Licht, sanfte Hügel, kleine Dörfer und noch mehr Tiere als wir den „Großen Chingan“ durchfuhren. Leider fährt der Zug in China sehr viel schneller als in Russland, so dass gute Fotos aus dem Zugfenster ganz große Glückssache sind. Wir habens natürlich trotzdem probiert und in Harbin konnten wir Valerie Nicolaijewitsch sogar dazu überreden, unser Fenster von außen zu säubern. Sonst denkt die ganze Welt noch, in China gäbs kein Licht.

Unser erster Eindruck von China war ziemlich gut. Auf den Bahnhöfen ist alles Wichtige auch auf Englisch zu finden, die Chinesen machen einen sehr freundlichen und offenen Eindruck im Gegensatz zu den Russen und irgendwie mutet hier alles ein wenig westlicher an als in Russland. Zwar gibt es hier auch ganz viele kleine Dörfer neben der Bahntrasse, die wirken jedoch bei weitem nicht so trostlos und ruiniert wie in Russland. Und ein echter Hingucker ist auf jedem noch so kleinen Bahnhof der Bahnhofsvorsteher (öfter sogar 3 Bahnhofsvorsteher), der in Galauniform mit ernster und wichtiger Miene der Durchfahrt des Zuges „huldigt“.

Die einzige große Stadt auf unserer Strecke an diesem Tag war Harbin (Km 7613) wo wir 20 Minuten Stop hatten. Auf dem riesigen Bahnhof konnten wir uns gar nicht großartig umsehen. Die 3,2-Millionen-Einwohner-Stadt sah von der Bahn sehr modern und westlich aus. Allerdings haben wir zwischen den Straßenschluchten auch viele sehr verfallene, fast slumartige Hütten (in Deutschland nicht mehr als ein Schuppen) gesehen.

In Manzhouli hatten wir einen neuen, chinesischen Speisewagen bekommen, denn die Speisewagen verlassen ihr jeweiliges Land nicht. Den haben wir dann gleich mal getestet und unser erstes richtiges chinesisches Essen gegessen. Es gab Schweinefleisch süß-sauer und geröstetes Huhn. Beides schmeckte sehr gut, hatte aber eine ganz andere Geschmacksrichtung als die in Deutschland gewohnten chinesischen Gerichte. Wir haben uns gleich fürs Abendessen noch was einpacken lassen, weil der chinesische Speisewagen pünktlich um 19 Uhr schließt und testen dann heute Abend noch zwei neue Speisen.

So, falls ihr noch nicht eingeschlafen seid, hier ein kleiner Zeitsprung. Wir sind mittlerweile schon seit fast 2 Tagen in Peking. Allerdings gibt’s hier ne Menge gesperrter Internetseiten und so ist es ein bisschen schwierig, den Blog auf dem Laufenden zu halten. Wir „senden“ euch deshalb jetzt erstmal unseren Bericht der Transsib-Reise und schreiben dann weiter. Fotos können wir leider deswegen auch erstmal nicht mitliefern. Die folgen dann mit dem nächsten Bericht hoffentlich in den nächsten Tagen.

Uns geht’s hier gut, Peking ist toll, die Unterkunft auch.

Bis die Tage dann.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

wow,

das hört sich echt spannend an. Bin begeistert und das nur vom lesen, naja und auch ein wenig neidisch, das ihr dieses Abenteuer erleben dürft. Denn ich sitz hier wie immer vor meinem Rechner und mach halt so Grafiksachen ;-) Ich bin gespannt auf die nächsten Berichte und freue mich das es euch da draussen in der großen weiten Welt gut geht!

Viele Grüße
Denis
aka Held vom Dienst ;-)

Anonym hat gesagt…

Toller Bericht. Wie Live dabei.

Wegen den gesperrten Seiten: benutzt doch TOR (http://www.torproject.org/index.html.de)

Damit sollte es gehen. Oder einfach nen Proxy aus Deutschland.

Mfg Daniel